1.
Erklärung Tantra
Tantra
(Sanskrit Wortwurzel tan = ausbreiten, fortsetzten, vermehren, entwickeln,
entfalten) bedeutet
„Ausdehnung des Bewusstseins“.
Tantra ist reines Bewusstsein – bewusstes Sein. Das bedingt
ein inneres Stillsein, mit dem was wirklich ist.
Tantra ist kein Konzept, keine Idee, keine Ideologie – es ist
ein Nicht-Weg. Es ist ein immer wieder neues, achtsames Hinschauen
und Beobachten, wie sich die Schöpfung in ihrer unendlichen Vielfalt
gerade offenbart.
Deshalb wäre es für die folgenden Ausführungen hilfreich,
wenn man alles bisher geglaubte, was Tantra sei, vorerst vergessen
würde.
Tantra
ist die einzige Philosophie, Metaphysik, Theologie, Religion und spirituelle
Praxis, die von der Vollkommenheit in Allem ausgeht – es gibt
nichts zu erreichen, nirgends hin zu kommen, nichts zu tun, nichts
zu verändern –nur:
Bewusst
zu Sein!
Das ist alles. Das ist der goldene Schlüssel ins Königreich.
Das ist Tantra.
Bewusstes Sein ist ein Einfliessen in den Strom des Lebens –
ein bedingungsloses JA an die gesamte Schöpfung und an das Leben
selbst.
Denn
das Leben hat immer Recht!
Nichts wird ausgegrenzt, abgespalten, bleibt ungesehen, ungeachtet
– alles hat seinen Platz - alles wird benutzt für die Ganzheit,
Einheit und um Vollkommenheit zu erlangen.
„Jeder Stein der mir in den Weg gelegt wird, nutze ich um mein
Schloss zu bauen“ Goethe
Die
Ausdehnung des Bewusstseins läuft über die Sinne. Die Sinnlichkeit
im Zusammenhang mit Tantra wird fälschlicherweise ausschliesslich
auf die Sexualität beschränkt.
Riechen, Schmecken, Sehen, Berühren und Hören müssen
etwas, jemanden wahrnehmen – und das führt zum 6. Sinn
– dem Bewusstsein.
Der 7. Sinn entspricht dann dem allumfassenden, unpersönlichen
Bewusstsein. Tantra ist ein direktes und ungeteiltes Wahrnehmen aller
Sinne – mit dem konkreten Ziel von göttlichem Bewusstsein.
Die
Sinne werden durch Reinigung, Kräftigung und Harmonisierung (z.B.
durch Hatha-Yoga) verfeinert und ausgedehnt, wodurch eine erhöhte
Energie eintritt, welche - den meisten Menschen noch - unbekannte
Dimensionen der Wahrnehmung eröffnet.
Die Sinne finden ihre Entsprechung in den Chakren, Energiezentren,
welche ihnen durch die Schöpfung und Evolution (Metaphysik wie
z.B. auch Samkhya) zugeordnet sind.
Wird diese spirituelle Kraft Kundalini (Shakti) im Menschen erweckt,
ist sie die Schöpferkraft im Menschen – diese auf die Sexualität
zu beschränken, wäre genauso fatal, wie ihre sexuelle Natur
zu leugnen.
Wo
immer Leid, Schmerz und Konflikte sind, herrscht die Abwesenheit von
Bewusstsein über die Wirklichkeit, das Wesen, die Wahrheit und
die Essenz.
So ist Tantra ein stetiges Voranschreiten in unser Innerstes, um alles
Unwissen, Konditionen, Muster, Gewohnheiten und falschen Vorstellungen
(Maya) mit der reinen Wahrnehmung aufzulösen.
Im Bewusst-Sein wird alle Dualität aufgehoben, jeder Konflikt
gelöst, jeder Schmerz geheilt. Jede Angst schwindet, jede Lösung
offenbart sich, jede Frage wird beantwortet – im Licht des Bewusstseins
schwindet alles Unwissen (Avidya), alleinige Ursache von allem Leid.
Hierin sind sich Tantrismus,
Buddhismus und Hinduismus einig.
DAS
LEBEN HAT IMMER RECHT
Wir
können uns immer etwas vormachen – uns verirren –
verstricken – doch im genauen und sorgfältigen Hinschauen,
zu dem was ist, zeigt uns das Leben untrüglich die Wirklichkeit.
Das Leben ist unser grösster Lehrmeister – wenn wir uns
denn dieser Schülerschaft ganz hinzugeben vermögen.
Sich bewusst sein über die Wirklichkeit, das Wesen seiner Selbst,
der innewohnenden Essenz, und dabei ohne Reaktion sein, das ist Tantra!
Der Raum oder die Ebene, die dabei erschaffen wird, ist nicht wirklich
in Worte zu fassen, da sie all diese übersteigt. Es ist die Leere
und Fülle gleichzeitig – jeder Dualismus ist aufgehoben
– ein Zustand ohne jegliche Grenzen, in dem ALLES möglich
wird.
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2. Yoga & Tantra
Wer
im Westen einen Yogakurs besucht, wird dort in Hatha Yoga unterrichtet.
Hatha Yoga gehört – eindeutig und unumstritten –
zu der tantrischen Tradition.
Das klassische Yoga definiert sich, mit dem „zur Ruhe bringen,
unterdrücken der Geistaktivitäten“ (I,2) in den Yoga-Sutren
nach Patanjali.
Doch die Natur ist ein ewiger Fluss, ein dauerndes Spriessen, Gedeihen,
Blühen und Vergehen – und auch die Natur des Geistes ist
dauernde Aktivität.
Vielleicht ist Yoga das Beruhigende und Tantra das Inspirierende…
So oder so, die Grenzen, wenn es denn welche gibt, sind vielmehr als
Bereicherung auf dem Weg zur Vollkommenheit und Ganzheit zu sehen
– das Paradox und die schöpferische Dualität bilden
zusammen die Einheit im Kosmos.
Die
in den klassischen Schriften beschriebenen Techniken des Hatha Yoga
(wörtlich: „Yoga der gewaltsamen Anstrengung“) haben
das Ziel klar definiert: Raja-Yoga – die königliche Vereinigung,
das König sein.
Die Yogis beschreiben es als Zustand der Meditation – für
die Tantriker ist dieser Zustand der inneren Stille und Gewahrsein,
in das ganze Leben zu integrieren; somit jede Trennung zwischen Alltag
und spiritueller Praxis aufzulösen und im ewigen Bewusstsein
zu vereinen.
So sind auch die verschiedenen Stellungen, Asanas, im Hatha-Yoga zu
verstehen: Das Leben verlangt von uns, oft fast unmögliche Stellungen
und Rollen einzunehmen – und darin zwischen Festigkeit und Flexibilität
ein Gleichgewicht zu erlangen.
Wo
Yoga wie ein kriegerischer Ritter für Ordnung sorgt, für
Klärung und Säuberung, Einhaltung der Gesetzmässigkeiten
des Kosmos und richtungweisend ist zum Ziel der Dekodierung bis hin
zur Auflösung der Ego-Persönlichkeit – ist Tantra
der König: erhaben und würdevoll ist er in der Kraft, durch
seine vollkommene Hingabe an die Schöpfung (Krone) ganz im Dienste
und zum Wohle aller und von allem. Denn der Lohn aus der Arbeit mit
Hatha Yoga erhält man in Form von Juwelen der Unterscheidungskraft,
des wahren Wissen (Vidya), sowie als Erfahrung von der ewigen Einheit
und Vollkommenheit.
Ob das Physisch ein Aufrichten der Wirbelsäule – Privileg
des Menschen – aus dem Neandertaler-Dasein heraus ermöglicht
oder eine freie Atmung (und dessen unvorstellbare Folgen), so sind
das nur Aspekte der Entwicklungsmöglichkeiten, die dieser Weg
offenbart.
Doch bevor nicht aufgeräumt ist, die Wunden geheilt, alle falschen
Vorstellungen aufgelöst, das Unwissen erkannt und alles Wollen
vollkommen losgelassen wurde – also das totale Verzichten auf
das Persönliche – ist keine wirkliche Stille möglich,
keine Wahrheit offenbart und keine wirkliche Freiheit vorhanden.
Die
Stille ist tief im Herzen verborgen. Anahata-Chakra, das Herzzentrum,
bedeutet der „Klanglose Klang“ oder „die Nicht-Angeschlagene“.
Das
vollkommene Aus- und Stillhalten können, Stillsein können
mit dem was ist, sich gerade zeigt, gerade Wahrnehmbar ist, in sorgfältiger
Achtsamkeit – darin kann sich die Essenz, die Wirklichkeit,
die ewige Wahrheit und das Wesen des Seins offenbaren.
Stillsein üben, ist Yoga – still zu sein, ist Tantra!
So
sind Yoga wie auch Tantra als Landkarten zu betrachten, die immer
zum Selbst, zur Wahrheit, zur Freiheit, zum Frieden, zur Glückseligkeit
oder zur Liebe führen – dorthin, wo wir Heimat finden,
all unsere Sehnsüchte Erfüllung erfahren und ein endgültiges
Ankommen stattfindet.
Mit
Recht glaubt man jedoch nichts und niemandem - mir schon gar nicht!
Doch wenn die Sehnsucht lichterloh brennt, wenn die Suche erfüllt
von Mut und Wahrhaftigkeit ist und die Liebe in all ihrer Macht ruft,
wenn die Bereitschaft da ist für Freiheit, Wahrheit und Frieden
des Ganzen zu gehen, vielleicht zu scheitern und auch den Tod nicht
zu fürchten – die Leidenschaft, Inbrunst und Intensivität
lichterloh brennt - dann ist jeder Widerstand aufzugeben, denn er
bringt nur noch Leid, Schmerz und Qual. Und es bleibt keine Wahl mehr,
als selbst mit allen Sinnen zu erfahren, ob die Weisen Wahrheit sprechen…
Durch die Entscheidung zu diesem Weg, die gleichzeitig ein Eintreten
in die Schülerschaft der Schöpfung bedeutet, entsteht der
Bedarf/Wunsch nach einem Lehrer, Meister oder einem Guru. Nur einem
Wegkundigen und Erfahrenen ist für dieses überdimensionale
Abenteuer als Führer zu vertrauen.
Tantra
ist die Krönung von Yoga.
Doch einer Krone hat man würdig zu sein – und die gemeinläufige
Ansicht, dass Tantra ein Weg der Ausschweifungen und Exzesse sei,
hat allein mit Marktwirtschaft, und nichts mit Tantra zu tun!
Es ist eine grosse Täuschung zu meinen, die tantrische Spiritualität
erfordere weniger Anstrengung, weil sie den Körper, die Sinne
und den Kosmos einbezieht. Das Gegenteil ist der Fall. Wie das Vijnana
Bhairava (Eines der wichtigsten Werke der tantrischen Tradition) deutlich
macht, erfordert diese Praxis völlige Hingabe, Freiheit des Geistes
von jeder Ablenkung, geistiges Heldentum und eine grosse Seele. Ein
weiteres Missverständnis besteht in der Ansicht, die tantrische
Spiritualität setze keine Ethik voraus oder manche alle moralischen
Normen überflüssig. Im tantrischen Kontext sind nur menschlich
und moralisch reife Persönlichkeiten berechtigt, sich auf einen
solchen, spirituellen Weg zu begeben und in die Geheimnisse des Tantra
eingeweiht zu werden.’ (B. Bäumer)
Wer diesen königlichen Pfad betritt, hat alle Macht des persönlichen
Willens auf zu gegeben – denn allein durch Gnade können
die tiefsten Einweihungen empfangen werden – und somit schützt
sich das Tantra auf seine eigene vollkommene Weise selbst vor Missbrauch!
- Jedoch nicht die, welche sich aus eigennützigen, egoistischen
und gewinnbringenden Motiven auf diesen Weg begeben – von den
unermesslichen Folgen warnt die Tradition seit jeher.
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3.
Tantra & Sexualität
Tantra
ist der Weg der Liebe!
Aber weder Tantra noch Liebe sind das, was wir allgemein darunter
verstehen.
Gerade weil beide Begriffe die Vorstellungen der meisten Menschen
übertreffen, ist es so schwierig, diese zu erklären. Dabei
beginnt man am besten mit dem, was sie nicht sind.
Tantra ist nicht Sex - genauso wenig wie Sex nicht gleich Liebe ist.
Ebenso würde jedoch niemand in der Liebe, Sex ausschliessen.
Tantra heisst nicht zügellosen Sex, wilde Orgien feiern, stundenlange
Orgasmen, bewusstseinserweiternde Substanzen einnehmen, mehrere Liebesgeschichten
nebeneinander oder über-sinnliche Erfahrungen zu haben.
Liebe ist kein Vertrag, kein Kuhhandel, keine Bindung, kein Abkommen,
kein Bündnis, kein gegenseitiges Erfüllen der Bedürfnisse
oder materielle Abhängigkeit.
Und doch – all dies sind Facetten von Wegen, die zu Tantra und
der Liebe führen können. Wenn denn die Grundlage der Achtung
der Freiheit zum Wahrsein vorhanden ist.
Denn weder Tantra und noch die Liebe schliessen irgendetwas aus. Sie
geben allem seinen Platz, allem gleichen Wert – denn schlussendlich
wird eine Unausweichlichkeit der Wirklichkeit darin erkennbar und
erfahrbar.
Beides,
Liebe und Tantra, kann man nicht wirklich tun; erst wenn alles Wollen
gestorben ist, kann es zugelassen werden.
Liebe und Tantra bedingen ein vollkommenes „laissez faire“!
Denn beide, die Liebe und das Tantra haben als Grundlage den Verzicht:
„Verzicht als Schicksal – Verzicht aus Liebe – Weil
die Liebe es fordert – Verzicht auf alles, was sich nicht konfliktfrei
entfalten kann – Verzicht auf alles, was nicht geschenkt ist
– Verzicht auf Hoffnungen, Wünsche und Träume“
(Danièle und Samuel)
Und erst wenn man auf all das, was noch vom Leben erwartet, erhofft
und gefordert wird, bewusst verzichtet, beginnt sich eine neue, innere
Haltung einzustellen:
Was will denn das Leben von mir?
Liebe
ist bedingungslos! Tantra ist bedingungslos!
Ein bedingungsloses JA an die ganze Schöpfung und das ganze Leben!
Sie beide sind absolut frei und unbegrenzt in ihrer individuellen
Entfaltung der innersten Essenz, dem Sein und dem wahren Wesen.

An
unsere Lieben haben wir sehr wohl Ansprüche, Vorstellungen und
Bedürfnisse – und es kommt eher einem Kuhhandel gleich,
als wenn da auch nur ein Hauch von Bedingungslosigkeit, Freiheit und
Unabhängigkeit darin wahrnehmbar wäre. Doch ohne diese Qualitäten
der Liebe ist kein wirkliches Erblühen möglich.
Gerade
weil Tantra allem darin seinen Platz in der grossen Ordnung des Kosmos
bietet, ist dieser Zugang zur Spiritualität in der heutigen,
globalisierten Welt immer gefragter.
Tantra sagt nie: „Entweder oder“ – sondern immer
„sowohl als auch!“
Es vereint in sich alle Lehren, Religionen, Kulturen und Lebensformen
– und dass dies immer mehr zu einer Notwendigkeit und somit
einem Bedürfnis der heutigen Gesellschaft wird, ist immer offensichtlicher.
In den Köpfen sind wir durch die Medien schon längst miteinander
verbunden – doch noch nicht in unseren Herzen...
Dass
die Sexualität jahrhunderte lang einen diabolischen Stellenwert
einnahm - was auch immer letztendlich dazu geführt hat - mag
das revolutionäre Einschlagen des Tantra in unsere Gesellschaft
erklären.
Das Leben und die sexuelle Kraft sind nicht voneinander zu trennen.
Ohne Sex würde es uns nicht geben!
Doch ist diese Kraft nicht zu verschwenden, indem man sie entlädt
aus einem kurzfristigen Bedürfnis heraus – sonst ist sie
schnell verpufft und wird sich nicht als Schöpfung manifestieren.
Viel mehr braucht man eine Unerschütterlichkeit, welche nur die
Reife eines tiefen Prozesses hervorbringt.
Interessant
dabei ist die Symbolik der Schlange: Allem voran hat diese seit jeher
einen enorm hohen Stellenwert in allen Kulturen – und man ist
sich über die göttliche Macht in ihr, global durch die Geschichte
hindurch, einig.
Im ganzen asiatischen Bereich krönt sie wie ein Baldachin die
Häupter von Buddha, Krishna, Vishnu, Ganesha und natürlich
Shiva, dem Gott der Yogis und die letzte Einheit im Tantrismus. Ob
als Urschlange aus dem goldnen Ei, als gekrönte Herrscherin über
die Gewässer (Nagas) oder als kosmisches Bewusstsein im Menschen,
Kundalini - sie besitzt einen enorm hohen Stellenwert!
Obwohl sie in der westlichen Gesellschaft immer noch, von den Schulmedizinern
bis hin zu den Geistheilern, als Symbol der Heilung dient (Aeskulap-Stab),
hat man bis heute nicht vergessen, dass sie als Ursache für den
Rausschmiss aus dem Paradies verantwortlich gemacht wird – als
eine Verführerin, die Früchte vom Baum der Erkenntnis von
Gut und Böse, also der Dualität, zu essen.
Die Kundalini, die Schlangenkraft, symbolisiert die Einigung zur Non-Dualität,
der Nicht-Zweiheit – Advaita – durch reines Bewusstsein.
Durch die Gnade des Bewusstseins über sein Selbst, des innersten
Wesens und essenziellen Seins erfährt man die göttliche
Vollkommenheit – in sich und im ganzen Kosmos.
Der gefallene Engel Luzifer repräsentiert dagegen die Unbewusstheit
– er glaubt es besser zu wissen als Gott, als die Schöpfung,
als das Leben – das ist sein Fall.
Ist
diese Bedingungslosigkeit dem Leben und der Schöpfung gegenüber
das goldene Tor ins Paradies?
(Mehr zu Kundalini, der Schlangenkraft, siehe unter Texte.)
Dieses
Ursprüngliche, Gewaltige und Archaische der Sexualität ist
uns Westlern verloren gegangen. So können wir die Verehrung von
Shiva-Lingam („Gottes Glied“), zum teil meterhohen Phallus-Symbolen
die wir in Indien überall, vorwiegend in Tempeln zu sehen bekommen,
nur schwer in seiner Dimension begreifen. (Übrigens sind die
Altäre der Yoni, des weibliche Geschlechts, in den unterirdischen
Tempelanlagen geheim gehalten.)
Noch weniger ist Maithuna, die göttliche Vereinigung zu erfassen,
wie sie oft an den alten Shiva-Tempel-Wänden dargestellt ist.
Aus dem Maithuna entfaltet sich die ganze Schöpfung – und
es ist eine der höchsten Einweihungen im Tantra.
Das kann sich in der Sexualität manifestieren – wird jedoch
auch durch das eingehauchte Leben, wie wir es aus westlichen Schöpfungsgeschichten
kennen, ausgedrückt. Weshalb es auch als Kuss bezeichnet wird
– denn in den Lippen ist die ganze Sinnlichkeit enthalten.
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4. Traditionen
Im
Tantrismus ist ohne die Gnade eines Guru (Licht in Dunkelheit) gar
nichts möglich. (Auf Autoritätsprobleme gegenüber,
und die vielen Fehlinformationen über das Wesen eines Gurus einzugehen,
würde diesen Rahmen hier sprengen, weshalb ich es unterlasse.)
Das Ritual, das Mantra (Zauberklang) und die Sadhana (Praxis) sind
weitere unerlässliche Bestanteile im traditionellen Tantrismus.
Zwei
hauptsächliche Traditionen prägen den Tantrismus in meiner
Arbeit: Der Kashmir Shivaismus und das Hatha-Yoga.
Hatha
Yoga Pradipika, Gheranda Samhita und Shiva Samhita – das sind
die drei Hauptwerke aus denen die Übungen stammen, die alle Richtungen
im Westen praktizieren. Natürlich gibt es noch unbekannte Werke,
die nie übersetzt wurden.
Traditionsgemäss war Hatha-Yoga in Indien immer nur für
Wenige, und dies ausschliesslich Männer, zugänglich und
wurde wegen seiner grossen Macht geheim gehalten. Erst durch die Öffnung
von Meister Shivananda in Rishikesh, wurde es auch für Frauen
und Menschen aus dem Westen zugänglich gemacht.
In der klassischen indischen Yoga-Tradition, wo der Körper als
ein Hindernis angesehen wird, werden auch heute noch hauptsächlich
Meditation und Satsang, Ausführungen zur Spiritualität,
gelehrt.
Ganz anders hingegen verläuft die Entwicklung im Westen, wo hauptsächlich
Hatha-Yoga als Yoga verstanden wird, von den vorwiegend weiblichen
Kursteilnehmerinnen.
Interessant dabei ist auch die Beobachtung des Rücklaufes von
Yoga vom Westen in den Osten: Heute findet man Hatha-Yoga fast ausschliesslich
therapeutisch ausgerichtet – oft zusammen mit Ayurveda, wo doch
jeder Inder die westliche Schulmedizin nach Möglichkeiten bevorzugt.
Beides ist ganz den westlichen Bedürfnissen angepasst. Wahrscheinlich
auch die Wettkämpfe an den Schulen mit Hatha-Yoga-Stellungen.
Der Kashmir Shivaismus wird noch viel zu Reden geben – denn
er ist geradezu perfekt um den Herausforderungen unserer Zeit entgegenzutreten.
Und dies nicht nur im Bezug auf die Spiritualität, Philosophie
oder Religion, sondern bis hin zur Wissenschaft, wo NASA-Spezialisten
den Kashmir Shivaismus studieren, weil sie dort Antworten auf ihre
Fragen finden. Zudem bietet sie eine umfassende Metaphysik und eine
Lehre der Harmonie und Ästhetik, welche in Poesie, Architektur,
Tanz und anderen Künsten zum Ausdruck kommt.
Sie drückt sich nicht vor der Stellungsnahme zur hoffnungslos
erscheinenden Weltsituation, sondern schafft einen Kontext zwischen
Ost und West, der dabei nicht nur theoretische Antworten zu geben
weiss, sondern auch einen praktischen Weg bietet, die Harmonie und
das Gleichgewicht von Innen und Aussen zu finden.
Die Tradition hat sich intensiv mit dem Bewusstsein auseinander gesetzt,
dessen Mangel als die Wurzel allen Leids betrachtet wird, und daraus
eine spirituelle Praxis entwickelt, die unabhängig von Kultur
und Religion ist.
Der Kashmir Shivaismus, auch Trika (Trinität) genannt, ist ein
non-dualistisches System der Einheit. Das mag vorerst widersprüchlich
klingen, doch kennen wir dies ebenfalls aus unserer Kultur, der heiligen
Dreifaltigkeit.
Gott Shiva ist Bewusstsein – seine Gemahlin Shakti, die grosse
Kraft, bildet mit ihm eine Einheit wie die Strahlen mit der Sonne.
Sie ist die Vermittlerin zum Menschen, zum Individuum oder zur Seele.
Sie entspricht der Kraft, die wir als „heiligen Geist“
bezeichnen.
Der
persönliche Weg im Tantra wird offenbart, was oft ein langwieriger
Prozess des Suchens und Ringens über Jahre hinweg bedeutet.
Trika gilt als die höchste der ins System von Kashmir Shivaismus
eingeflossenen Strömungen. Daneben sind Pratyabhijna (Das Wiedererkennen
des Göttlichen), Spanda (universale Schwingung), Kula (Gestammtheit)
und Krama (Folge und Ordnung der universellen Energien).
Zur
Vertiefung dieses überwältigenden Themas empfehle ich vertiefende
Literatur.
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5. Praxis oder „Der Weg
des goldenen Herzens“
Würdig,
erhaben, glückselig, königlich, unsterblich, strahlend,
mystisch, mitfühlend, freudig, mächtig, kraftvoll, wahrhaftig,
rein, edel, kostbar, still und liebend – das sind die Qualitäten
eines goldenen Herzens.
„Das Leben hat immer Recht“ – und so stellt es auch
die Weichen, die Aufgaben, die Anforderungen, die Mittel, die Richtlinien
und auch die Lösungen, die unsern Weg gestalten. Bunt wie die
Blumen ist die Entfaltung der Individualität – und doch
wachsen sie alle aus dem gleichem Boden dieser Erde.
Sich
selbst zu erkennen und die Einzigartigkeit unseres Wesens zum Ausdruck
zu bringen, bedingt eine innere Stille – worin sich Frieden
einstellen, und woraus sich die Wirklichkeit offenbaren kann. Und
die Kraft für ein wahrhaftiges Sein. Um mit dem sein zu können,
was wirklich ist.
Und genau so wie wir alles andere in unserem Leben lernen und üben
müssen, ist es auch nötig, um ein stilles Sein in Achtsamkeit
zu erreichen. Ohne diese Grundlage ist es, als ob jeder Samen auf
Asphalt fällt…
Und
dann stellt sich die Frage: Welchen Weg wählt man für sich?
Mutig für die Liebe zugehen oder von der Angst getrieben sein.
Die Verantwortung zu übernehmen oder sich zu beklagen und jammern.
Zu lösen oder weiter zu leiden.
Alles zu geben oder loszulassen.
Die Wirklichkeit willkommen heissen oder sich in der heissen Luft
der Illusion wärmen.
Und dann stellt sich die Frage: Geht man dann gewählten Weg auch
WIRKLICH?
Bist
du für die Liebe? Ja?
Obwohl wir alle glauben uns dafür entschieden zu haben, ist jedoch
kaum jemand bereit, für die Wirklichkeit der Liebe zu gehen –
denn es ist ein mühsamer, anstrengender, unbequemer, ungewisser,
beschwerlicher und völlig individueller Nicht-Weg, auf dem man
sich dann ganz verwundert völlig alleine wieder findet…
Denn all der Schutt, schwer wie Blei, lässt sich im Herzen nicht
so einfach in Gold wandeln – der alchemistische Prozess verlangt
viel Stärke, Durchhaltewillen, Standhaftigkeit, Mut, Tugend,
Klarheit, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Genauigkeit, Sorgfalt, Pflege,
Kraft, Disziplin, Ernsthaftigkeit, Fürsorge, Geduld, Fleiss,
Achtsamkeit, Hingabe, Bereitschaft, Überwindung und ganz viel
Selbsterkenntnis!
Und vor allem einen vollkommenen Verzicht auf alles Wollen, Streben,
Hoffen, Träumen und Wünschen.
Das ist der Weg nach Hause – um das zu sein, was wir wirklich
sind.
Und
das alles, um sich dessen bewusst zu werden, was schon immer war…
Doch wer sollte sich für einen solchen Weg entscheiden?
Vielleicht jemand, der erkannt und erfahren hat, dass egal, was auch
immer hier in der materiellen Welt erreicht worden ist, dieses tiefe
Sehnen keine Erfüllung findet, weil alles vergänglich ist.
Wir
wurden konditioniert und programmiert, um wie eine Maschine zu funktionieren.
Im schlimmsten Fall läuft es dann auch noch rund… Doch
vielleicht beginnen sich Zweifel über den Sinn in dem, was man
gerade noch so sehr angestrebt hat, einzuschleichen… Oder es
funktioniert nicht gut und wir versuchen uns „umzuprogrammieren“…
Oder aber wir entscheiden uns für die wirkliche Freiheit.
Freiheit
wird genau so wie Tantra und Liebe missverstanden.
Freiheit ist nicht, das tun und lassen zu können, was wir wollen…
Sei es durch den physischen Körper, das Leben selbst, die Gesellschaft,
die Naturgesetze oder einfach die Ordnung im Kosmos – immer
wieder werden wir mit den Grenzen des persönlichen Willens konfrontiert.
Und das Leben hat ja immer Recht…
Freiheit
ist ein Attribut des Geistes!
Frei von Konditionierungen, Muster, Programmen, Gewohnheiten, Zwängen,
Normen, Fixierungen, Konzepten, Ideologien, Re-Aktionen, Begrenzungen,
Ideen, Illusionen und Vorstellungen – das ist ein offener Geist,
der wahrlich die Flügel der Freiheit ausbreiten kann, um nach
Hause in den Himmel zu fliegen!
Wenn
der Geist bewusst ist, hat man als Ziel, das Paradies, im Herzen,
wohin auch immer die Wege des Schicksals führen.
DAS
LEBEN HAT IMMER RECHT!

Geschenktes
Goldherz
Durch 1001 Tode im Qualenschmerz
Löst sich auf im Dunkeln der Leere
Dringt in die tiefsten Tiefen durch Last der Schwere
Gespenstische Höllen durchqueren
Allein – still sein ist lehren
Angst und Einsamkeit werden zu Freunden
Und öffnen die Pforten zu ewigen Freuden
Weben es zu filigranen Flügeln
Das Feuer das Leiden schafft zu zügeln
Um lichterloh in Flammen zu brennen
Und sich dann als Nichts zu erkennen
Das
Goldene fliesst in die Träume
Öffnet wundersame Räume
Mysteriums Leuchten offenbart Seligkeit
Endlich Heimkommen in die Ewigkeit!
Mitfühlend, mutig, stark und königlich
Wahrhaftig, frei, heil und unsterblich
Heil, würdig, edel und rein
Das ist, ein Goldherz zu sein!
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