
Seufzen
& Gähnen
– was für ein Segen!
Es
gibt keine natürlicheren und tieferen Atmungen als Gähnen
und Seufzen! Atmen bedeutet Leben – und die Atmung bestimmt
unser ganzes Leben: Angefangen bei der Schöpfung, wo das "Leben
eingehaucht" wurde, bis hin "zum letzten Atemzug".
Dazwischen bestimmt sie vollkommen das ganze Wohlbefinden, die Gesundheit,
die geistige Kapazität und das Ausschöpfen des innewohnenden
Potenzials.
In der Atmung drückt sich das ganze Befinden aus: Wenn wir aufgeregt,
gestresst und unruhig sind, ist unsere Atmung dementsprechend flach
und schnell. Wenn wir Angst haben, stockt gar die Atmung und ‚es
schnürt die Kehle zu’. Ebenfalls bei Schmerz, denn auch
der lässt Angst spüren. Und wenn wir einen gesunden, tiefen
Schlaf haben, ist unsere Atmung ruhig und regelmässig. Die Atmung
ist der Ausdruck unseres Geistes, des schöpferischen Aspekts
im Menschen, und offenbart unsere ganze Gemütshaltung.
Die Atmung trägt den Sauerstoff und den Lebensodem, Prana oder
Chi, in den ganzen Organismus und nährt alle Organe bis hin zu
den Zellen. Meist ist dies auf ein Minimum beschränkt, dabei
geht jeglicher "Überschuss’ direkt ins Gehirn. Denn
man kann heute messen, dass nicht einmal 10% unseres Gehirns benutzt
wird. Nicht dass es nicht aktiv wäre – nein, es ist einfach
nicht angeschlossen, nicht verbunden. Somit ist ein unvorstellbares
Potenzial im Mensch vorhanden, das auszuschöpfen sich anbietet.
Tief Atmen ist also nicht nur klug - sondern macht auch klug!
Die lateinische Wort für Atem ist Spiritus, was gleichzeitig
auch Geist bedeutet. Atem kommt von der gleichen Wortwurzel wie Atman
im Sanskrit, der heiligen Sprache der Inder. Atman ist das innerste,
unsterbliche Wesen, das wahre Selbst oder die Seele.
Wären wir königliche Löwen, könnten wir den ganzen
Tag an der warmen Sonne faulenzen … unsere Forderläufe
weit nach vorne strecken und recken… unseren riesigen Rachen
weit aufsperren - und gewaltig gähnen! Mit der Ausatmung würde
ein schnurrendes, sanftes Grollen aus dem Rachen erklingen und der
ganze Körper würde sich in katzenhafter Geschmeidigkeit
räkeln… Aber als Mensch in unserer Gesellschaft ist gähnen
unangebracht, nicht erwünscht, wird sogar oft als beleidigend
empfunden. Doch so scheint alles noch verbissener und hartherziger
zu werden. Doch welch wonnige Gefühle stellen sich mit tiefen
Gähnen ein: Wohligkeit, Zufriedenheit, Entspannung und Energie
in ihrer pursten Form! Gähnen und Seufzen sind die natürlichsten
und tiefsten Formen der Atmung!
Unbewusst gähnen wir oft am Morgen beim Aufwachen und am Abend,
wenn die Arbeit erledigt ist und wir uns auf die Nacht einstellen.
So erfährt man das Gähnen sowohl als energetisierend als
auch als entspannend – und das immerwährende Paradox wird
hier erfahrbar, ‚aus der Ruhe kommt die Kraft’. Auch für
den Druckausgleich ist das Gähnen hilfreich, z.B. wenn wir grosse
Höhenunterschiede erfahren. Der Ausdruck der Langeweile, welcher
ihm oft zugeordnet wird, ist weit daneben: Im Gegenteil ist das Gähnen
eine der effizientesten Formen, Energie und Sauerstoff aufzunehmen.
Das wird möglich durch die Entspannung der Muskeln, was physisch
betrachtet auch der einzige Grund ist, weshalb wir Schlaf brauchen.
Beim Gähnen gut wahrnehmbar ist die Entspannung der Kiefer, was
im ganzen Hals-, Ohren und Nasenbereich einen Druckausgleich ermöglicht.
Auch der Nacken wird dabei bis hinunter zu den Schulternblättern
gelöst und entspannt, ebenso die vielen Gesichtsmuskeln, vor
allem um Mund und Augen, was vielleicht sogar Tränen fliessen
lässt. So werden nicht nur unsere ganzen Sinne geklärt und
gestärkt, sondern die Entspannung der Gesichtsmuskel lässt
einen freundlichen und friedlichen Gesichtsausdruck entstehen –
atmen macht also auch schön!
Normalerweise ist der grösste Teil der Lunge mit alter, abgestandener
Luft gefüllt, die wir zurückhalten aus Angst, keine neue
mehr zu bekommen. Das macht eine tiefe Einatmung unmöglich. Wenn
man zu sehr angespannt ist und die tiefe Atmung schwer fällt,
sollte zuerst die Lunge geleert werden, indem man tief ausatmet. Manchmal
hilft es durch den Mund auszuatmen oder sogar einen Ton dabei zu entstehen
lassen. Danach ist die Lunge aufnahmebereit für neue, frische
Luft.
Die Atmung wird wesentlich durch das Zwerchfell bewegt, einen grossen
Muskel zwischen Lunge und Bauch. Bei einer tiefen Atmung wie dem Gähnen
und Seufzen, entspannt sich dieser Muskel. Und genau das lässt
uns dieses angenehm wohlige, ja selige Gefühl wahrnehmen - unsere
Atmung ist tief und frei und somit auch der Geist! Die Entspannung
dieses Muskels wirkt sich auch sehr fördernd auf die ganze Verdauung
aus und unterstützt insbesondere die Leber.
Das Zwerchfell ist vor dem Solarplexus. In der yogischen Tradition
ist an dieser Stelle ein Knoten, Granthi, der wesentlich ist für
die blockierte Energie, Kundalini Shakti, welche es zu erwecken gilt.
In der chinesischen Medizin ist bekannt, dass jede Krankheit verschwindet,
wenn dieser Durchgang zwischen Bauch und Herz geöffnet ist. Und
auch in unserer Kultur hat das Bewusstsein für diesen spirituellen
Übergangspunkt durch die Psychotherapie nach Jung an Einfluss
gewonnen.
Beim Lachen erfahren wir ebenfalls eine Entspannung des Zwerchfelles
und ebenso beim Weinen. Singen hat die gleiche entspannende Wirkung
auf diesen Muskel und eine tiefe Atmung ist dabei unerlässlich.

"Obwohl
der Knecht im Stall schon hörte, wie die Glocken zur Messe riefen,
musste er doch zuerst seine Arbeit erledigen. Er wollte unbedingt
noch für die armen Seelen beten und Gott danken für all
die Gaben. Und doch molk er liebevoll wie stets die Kühe weiter,
denn er wusste, wie sensibel die Tiere auf Stress reagierten. Sie
genossen es sichtlich, wenn sie von den Händen des Knechts gemolken
wurden und für eine Weile seine ganze Aufmerksamkeit geschenkt
bekamen. Sie dankten es ihm, indem sie ihm mehr Milch gaben als alle
anderen Kühe im Dorf. Auch die Hühner legten bei ihm fleissiger
Eier als alle andern – und da und dort munkelte man im Dorf
von Zauberei. Aber es war einfach sein stilles Wesen und seine tiefe
Achtung der Natur gegenüber, was alles um ihn in einen Zauber
versetzte. So goss er auch alle Blumen, die so üppig wie nirgends
im Dorf sonst blühten, gab dem Hund wie auch den Katzen nicht
nur ihr Futter, sondern auch ihre Streicheleinheiten. Als dann schliesslich
alles getan war, er sich gewaschen und umgezogen hatte und er endlich
vor der Kirche stand und eintreten wollte, war die Türe schon
geschlossen. Oh nein – wie enttäuscht er war! Ein herzhaftes
Seufzen drang aus seiner Brust.
"Wolltest du in die Kirche?" fragte der schlaue Bauer, der
des Weges kam. "Ja, ich wollte unbedingt heute noch zum Gebet
– oh was gäbe ich dafür her!’, klagte der Knecht.
Der schlaue Bauer fragte verschmitzt: "Wenn das so ist, will
ich dir gerne helfen: Ich werde dir mein Gebet schenken und weil ich
dir gut gesonnen bin, will ich von dir nur das Seufzen von eben. Der
Knecht war ganz entzückt, dass er doch noch zu seinem Gebet kam
und ging auf den Handel ein. Der schlaue Bauer freute sich über
sein gelungenes Geschäft.
Auf dem Nachhauseweg nahm der gute Knecht plötzlich eine Stimme
war: "Das war wahrlich ein schlechter Handel für dich: Ein
Seufzen kommt direkt aus dem Herzen – und wo sollte wohl Gott
wohnen, wenn nicht in den Herzen der Menschen?"
Seufzen kommt immer von Herzen! "Ein Stein fällt vom Herzen’
nehmen wir als Gefühl beim Seufzen wahr. Das Herz wird leicht,
ja vielleicht sogar beflügelt.
In allen Kulturen und Religionen findet sich das Göttliche im
Herzen wieder, wo ja auch – wie jedes Kind weiss – der
Sitz der Liebe ist. Auch wenn man meist nur eine vage Ahnung hat,
was reine, wahre, bedingungslose Liebe ist, empfindet jeder Mensch
auf dieser Erde ein Sehnen, Hoffen und Begehren danach. Sind die Widerstände
(körperlich manifestiert in der Muskelspannung) für einen
Moment gelöst, wie dies beim Seufzen oder Gähnen geschieht,
wird uns die Erfahrung zuteil, dass die Atmung uns im Innersten liebevoll
zu berühren vermag. Dabei handelt es sich ja kaum um einen Zufall,
dass das Herz in die Lunge eingebettet ist.
Das
Ziel des Körpers ist die Sicherheit.
Das Ziel des Geistes ist die Freiheit.
Das Ziel des Herzens ist die Leichtigkeit.
Im
Gegensatz zum Gähnen scheint das Seufzen dem Menschen vorbehalten
zu sein. Beiden gemeinsam ist die Entspannung des Zwerchfells, die
eine tiefe Einatmung ermöglicht. Das löst in unserem Körper
ein Gefühl der Sicherheit aus, ‚genug’ zu haben.
Durch die Entspannung kann die Atmung frei fliessen – das wiederum
macht Kopf und Geist frei.
In der Tradition der Ägypter tritt man beim Übergang im
Moment des Todes vor die grosse Göttin Maat, die für die
universelle Ordnung steht. Ihre Waagschale hat auf der einen Seite
eine Feder und auf die andere Seite kommt das Herz – und nur
wenn es leichter als die Feder ist, geht es heim ins Himmlische. Sonst
bleibt es weiterhin an den Kreislauf der Wiedergeburten gebunden.
Die wohl meisterlichste Übung, die jederzeit im Alltag praktiziert
werden kann, genauso wie in der Zeit der Stille, ist die ganze Achtsamkeit
dem Atem zu schenken. Ohne ihn zu beeinflussen, zu werten oder irgendetwas
zu tun oder zu wollen. Ist unsere Wahrnehmung in dieser Weise bei
der Atmung, sind wir im Jetzt und bei uns – was einem Sechser
im universellen Lottospiel gleich kommt, denn darüber hinaus
ist nichts zu erreichen.
Zusammenfassend ist Seufzen und Gähnen gesund, gibt ein angenehmes
Gefühl, macht klug und auch noch schön – ist das nicht
atemberaubend?

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